6. Dezember

Advent

 

Pauls Reise

Kurz vor Weihnachten, wenn die Uni Pause macht, fahren wir meistens nach Hause um Weihnachten im Kreis der Familie zu verbringen. Dazu begeben wir uns auf eine längere oder kürzere Reise, die manchmal unter besonderen Vorzeichen steht. David Koch hat dazu eine Geschichte geschrieben.

 

Wie jedes Jahr an Weihnachten begibt sich Paul mit dem Zug auf die Reise zu seiner Familie nach Hamburg. Er hat bis jetzt ein nervenaufreibendes Semester in Freiburg hinter sich und sehnt sich nach Ruhe und Entspannung.

Ausgestattet mit einem kleinen Koffer und seiner Geige – steigt er am 24. Dezember morgens in den Zug, der ihn in den hohen Norden bringen soll. Dabei fällt ihm sein Smartphone aus der Tasche. Genau in den Spalt zwischen der Bahnsteigkante und dem Zug. Dann vernimmt er ein dumpfes klirrendes Geräusch – das war's wohl mit seinem so schwer zu entbehrenden Reisebegleiter. Der Bahnsteig ist überfüllt und die anderen Reisenden rufen ihm zu er möge doch endlich in den Waggon gehen. Gedrängt von der Menge bleibt ihm nichts anderes übrig als sich seinen Platz zu suchen. 'Immerhin habe ich noch meinen Koffer und meine Geige' denkt er sich. Er findet seinen Platz und verstaut Koffer und Geige in der Gepäckablage. Der Zug fährt los und Paul schnappt sich ein Buch um sich die Zeit zu vertreiben. Es ist noch früh am Morgen und auf einmal überkommt ihn die Müdigkeit. Er döst ein wenig und wacht schließlich auf als der Zug zum Stehen kommt und Reisende ein- und aussteigen. Er blinzelt aus dem Fenster und liest das Bahnhofsschild: Mannheim. Die Pfeife des Schaffners ertönt und der Zug setzt sich langsam wieder in Bewegung. Pauls Blick schweift über die Leute, die gerade ausgestiegen sind und nun am Gleis Richtung Ausgang gehen. Da fällt ihm ein älterer Herr mit Hut und schwarzem Mantel auf, der einen Koffer trägt. Auf einmal ist Paul wieder hellwach. Er mustert den Koffer genauer: der abgewetzte dunkelblaue Stoff, der fehlende Griff an der Seite, ein roter Aufkleber unten links. Keine Frage: es ist sein Koffer. Paul springt aus seinem Sitz auf. Er sieht wie der Mann vom Gleis entschwindet, der Zug nimmt immer mehr Fahrt auf. 'Zu spät! Jetzt auch noch der Koffer!' denkt sich Paul. Er geht zurück zu seinem Platz und kontrolliert die Gepäckablage: immerhin seine geliebte Geige ist noch da. Er nimmt sie und schiebt sie vorsichtig unter seinen Sitz: 'Hier ist sie bestimmt sicher!' Nach einer weiteren Stunde Fahrt bemerkt Paul wie sich das Wetter zunehmend verschlechtert. War es vor kurzem noch klar und sonnig ziehen nun bedrohliche Wolkenfelder auf. Es beginnt zu schneien und zu stürmen: Vor Kassel-Wilhelmshöhe kommt der Zug auf einmal zum Stehen: Ein Baum ist auf das Gleis geknickt und stellt nun ein unüberwindbares Hindernis dar.

Alle Reisenden müssen aussteigen und sich zu Fuß durch den Schnee in das nächstgelegene Dorf Felsberg-Altenbrunslar begeben. Paul friert, er umklammert seinen Geigenkoffer und stapft mit den anderen Fahrgästen durch den Schnee. 'Aus Weihnachten in Hamburg wird wohl nichts mehr!' denkt er sich. Beim Laufen kommt er mit einer Frau ins Gespräch, die ebenfalls Musikerin ist: Friederike ist Pianistin und gerade auf der Heimreise von einem Konzert. Es ist bereits Nachmittag als die Gruppe erschöpft den Ort erreicht. Dort werden sie von den Bewohnern herzlich begrüßt. Ein Bauer stellt seine große Scheune zur Verfügung. Es werden Tische und ein Weihnachtsbaum aufgestellt. Die Bewohner bringen Essen mit und sogar ein altes Klavier lässt sich kurzfristig finden. Friederike und Paul spielen ein kleines Weihnachtskonzert und auf einmal vergisst Paul die schwere Reise und Hamburg: er freut sich mit all den Menschen, die er vorher noch nicht kannte, Weihnachten zu verbringen.

     

Von David Koch

 

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