Vom Lustschloss zur Hochschule für Musik
Ein kurzer Abriss der historischen Entwicklung

Seit 1989 hat die Hochschule für Musik Karlsruhe ihren Hauptsitz im Schloss Gottesaue. Es ist die vorläufig letzte in einer ganzen Reihe unterschiedlichster Nutzungen dieses schmucken Renaissancebaus und hoffentlich auch für die Musikhochschule das Ende einer langen Kette beengter Provisorien. 
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Markgraf Ernst Friedrich von
Baden-Durlach, Epitaph in der
Schlosskirche in Pforzheim, 1604

 

 

 

Als Markgraf Ernst Friedrich von Baden-Durlach 
im Jahr 1588 auf dem Gelände des aufgehobenen Klosters Gottesaue ein Lust- und Jagdschloss erbauen ließ, gab es die Stadt Karlsruhe noch nicht. Sie sollte erst über 100 Jahre später gegründet werden.
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Ursprünglicher Zustand
(Renaissance)

 

Mit diesem Bau, vom Typus her eine Mischung aus Manoir, Lusthaus und Saalbau, für den der Königsbacher Architekt Johannes Schoch und sein Polier Paul Murer verantwortlich zeichneten, bewegte sich der Markgraf auf der Höhe des damaligen Zeitgeschmacks. 
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Zustand um 1910 (Barock)
Allerdings währte die Freude über das Schloss, dessen Innenausstattung vermutlich nie ganz fertig wurde, kaum länger als 100 Jahre: 1689 richteten die Truppen des französischen Königs Ludwig XIV. wie fast überall im Lande auch hier schwere Zerstörungen an. Beim Wiederaufbau ließ man kurzerhand das oberste dritte Geschoss weg, teilte rund 50 Jahre später nach einem verheerenden Schlossbrand die verbliebenen zwei Geschosse in drei Etagen, nahm die kunstvollen Renaissance-Fenstergestelle heraus und machte das Gebäude zum Mittelpunkt eines landwirtschaftlichen Gutes.

 

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Foto um 1910

 

1818 zogen Soldaten ins Schloss. Das gesamte Areal diente nun 100 Jahre lang als Artilleriekaserne. Die folgenden Nutzungen: von 1919 bis 1935 Mietskaserne, anschließend Polizeischule. 

 

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Zustand nach 1945
  Die wohl schlimmste Zerstörung im Verlauf seiner wechselvollen Geschichte erlitt Schloss Gottesaue bei einem Fliegerangriff am 7. Juli 1944. Vier Jahre später mussten sogar die Reste der Südtürme mit den anschließenden Längswänden wegen akuter Einsturzgefahr gesprengt werden. Über drei Jahrzehnte blieb Gottesaue traurige Ruine. Wäre das Schloss zentraler gelegen, hätte man es sicher schneller wiederaufgebaut oder schneller abgerissen.

 

 

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Mit der Entscheidung zum Wiederaufbau 1977 verbanden die Verantwortlichen zugleich den Wunsch, die von Gewerbe- und Brachflächen geprägte Umgebung des Schlosses städtebaulich aufzuwerten. Die große Frage neben der künftigen Nutzung aber war: Wie soll das neue alte Schloss Gottesaue aussehen? Totalrekonstruktion des Urzustands, obwohl der Renaissancebau in seiner ursprünglichen Form nur bis 1689 bestanden hatte? Oder doch lieber Rekonstruktion des Zustands von vor 1944? Dagegen sprach die viel geringere kunsthistorische Bedeutung dieser Fassung. Nach langem Hin und Her fand man einen Kompromiss, eine verträgliche Verbindung von Alt und Neu: Die Hauptmerkmale der alten Architektur, also Geschossgliederung und Symmetrie des Baus blieben bestehen. Auch das verlorene dritte Geschoss fügte man wieder hinzu. Der Musikhochschule, der 1978 der Vorzug vor anderen potentiellen Nutzern gegeben worden war, konnte dieser Platzgewinn nur recht sein.

 

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Schloss Gottesaue, Ostansicht,
kurz nach dem Ende des Wiederaufbaus

 

  Ansonsten wurde nur ergänzt, was an der Ruine selbst noch vorhanden war. Die erhaltenen Fassadenteile reparierte man lediglich so weit wie unbedingt notwendig. Aus diesem Grund lassen sich alte und neue Bausubstanz gut mit dem bloßen Auge unterscheiden. Die Geschichte des Baus sollte ablesbar bleiben. Statt der verlorenen Fenstergestelle, von denen keines mehr an der Ruine vorhanden war, baute man solche aus Metall ein. Wer noch genauer hinsieht, wird an den Ecken des obersten Gesimses weitere untrügliche Hinweise auf unsere Zeit entdecken: Ein Telefon und eine Weltraumfähre, um nur zwei zu nennen, virtuos aus Sandstein gehauen, fügen sich anstandslos in das Gesamtbild ein. Über die Inneneinrichtung lässt sich streiten, sie ist modern, hält aber im ganzen Gebäude einen "Respektabstand" zum historischen Mauerwerk.

 

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Fuchsbau: Rektorat und Verwaltung der 
Hochschule

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Römerbau: Übungsräume
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Studenten-wohnheime
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Marstall: Institut für MusikTheater, Opernschule
  Von den Wirtschaftsgebäuden der Klosterzeit ist keines erhalten geblieben. Aus der Periode der Nutzung als landwirtschaftliches Gut stehen noch ein ehemaliges Kavaliershaus, Fuchsbau genannt (heute Rektorat und Verwaltung der Musikhochschule), der "Römerbau" mit Übungsräumen sowie die Torgebäude an der Wolfartsweierer Straße (Studentenwohnheime). 

 

 

 

Der Marstall stammt aus der Kasernenzeit und wird heute vom Institut für MusikTheater der Musikhochschule genutzt. 

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Grabplatte des Klostergründers
Graf Berthold von Hohenberg.
Heute zu sehen im Foyer des
Gottesauer Schlosses
  Trotz der zahlreichen Zerstörungen im Verlauf der Jahrhunderte blieb im Schloss bis heute ein Raum aus der Erbauungszeit erhalten: Der Keller, eine zweischiffige Halle mit Pfeilern und Kreuzgewölbe, dient jetzt als Cafeteria und Garderobe. In einem angrenzenden Raum machte man bei Ausschachtungsarbeiten zum Wiederaufbau einen überraschenden Fund: Unter einem Haufen Bauschutt kamen mehrere alte Grabplatten, darunter die seit 1689 verschwundene Platte aus dem 14. Jahrhundert mit dem Relief des Klostergründers Graf Berthold von Hohenberg, zum Vorschein. Leider schaffte man sie nicht gleich in Sicherheit, sondern zum reibungslosen Fortgang der Arbeiten erst einmal aus dem Weg. Und fand sie nicht mehr wieder. Bei der Ausstellung zum 900-jährigen Klosterjubiläum im Jahr 1994 mussten die Besucher mit Bruchstücken der Grabplatte und einer Fotografie Vorlieb nehmen. Drei Jahre später fand man sie doch - auf dem alten Klostergelände, vom Gestrüpp gut verborgen. Heute beobachtet Graf Berthold vom Foyer der Musikhochschule aus interessiert das geschäftige Treiben um ihn herum.

Monika Müller, April 1999

     

 

 

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