Was ist Musikinformatik?


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Musikinformatik bezeichnet alle Anwendungen oder Nutzbarmachungen der Informatik für den gesamten Bereich der Musik, wie sie aus dem grundlegenden menschlichen Bestreben entstehen, neue (technologische) Entwicklungen auf alle denkbaren Anwendungsmöglichkeiten - auch künstlerische und wissenschaftliche - hin zu erforschen.

Die Idee und die ersten konkreten Überlegungen, eine Rechenmaschine sowohl für die Synthese von Klängen als auch die Generierung von musikalischen Partituren zu verwenden, geht schon auf das Jahr 1842 (A. Lovelace) zurück. Erst ab 1950 aber waren auch erste Realisierungen dieser Vision möglich und setzten mit den ersten Programmen zur Klang- und Partitursynthese ein. Heute ist daraus eine internationale Szene elektronischer Musikkomposition mit vielfältigen Schattierungen geworden, deren Ränder viele Überlappungen mit der Filmmusik und den experimentellen Spielarten der Rock-und Popmusik aufweisen. Ihre Geschichte und Analyse wird zum Lehrplan des neuen Studiengangs gehören.

Noch im Zeitalter der Großrechner etwa ab 1960 erkannten die musikwissenschaftlichen Institute und Music Departments im amerikanisch-englischsprachigen Raum die Möglichkeiten, die das neue Universalinstrument "Computer" als Hilfsmittel für musikwissenschaftliche Forschungs- und Dokumentationsprojekte aller Art bot. Schon Ende der 70er Jahre wurde eine elektronische Nachrichten- und Austauschzeitung ("Music Journal") ins Leben gerufen, verbreitet ausschließlich über das damalige Internet. Leider fand die mitteleuropäische deutschsprachige Musik­wissenschaftsgemeinde nicht den Anschluß an dieses internationale Forschungs- und Kommunikationsnetz, es blieb bis vor wenigen Jahren weitgehend unbekannt oder wurde ignoriert. Es wird eines der Hauptanliegen des neuen Studiengangs sein, den in Karlsruhe Studierenden entsprechende Kenntnisse zum Einsatz der Informatik für eigene musikwissenschaftliche Arbeiten zu vermitteln und ihnen eine breite Übersicht - inklusive Kontakt­möglichkeiten - über die internationale Musikwissenschaftsszene mit ihren vielfältigen Projekten zu vermitteln. Die "splendid isolation" soll ersetzt werden durch eine "splendid communication" im Sinne einer effizienten Nutzung des global vorhandenen Wissens- und Forschungspotentials.

Parallel zu diesen Entwicklungen gab es seit den 60er Jahren erste Versuche, Noten mit Hilfe von Computerprogrammen zu setzen (was hoffen ließ, die prinzipiell langweiligen Arbeiten des Transponierens und Stimmenauszüge-Erstellens sehr viel schneller erledigen zu können), die mittlerweile professionell eingesetzt werden und den traditionellen Notenstich ebenso wie die notenschreibenden Familien in Korea weitgehend ersetzt haben.

Auch die Programme zur Klangsynthese wurden immer weiter verbessert, und mit dem Durchbruch der Digitaltechnologie im Bereich der Audiotechnologie und speziell der Synthesizer entwickelte sich neben dem bisherigen rein akademischen Bereich geradezu explosionsartig ein kommerzieller Bereich, der mit digitalen Synthesizern und Syntheseprogrammen, MIDI-Sequenzerprogrammen und anderem vor allem den Massenmarkt der Pop- und Rockmusik bediente sowie den großen Markt der Audiotechnik im Consumerbereich. Der Karlsruher Studiengang wird sich mit dieser "technischen Musikinformatik" allerdings nur nachgeordnet beschäftigen, intensiver hingegen sehr wohl mit der Frage, wie diese Entwicklungen Musikkulturen beeinflusst haben und zukünftig noch verändern werden.

Schon seit den 70er Jahren entwickelte sich ein sehr spezieller Forschungszweig der Musikinformatik im Hochschulbereich, der eng mit der sogenannten KI- oder AI-Forschung (2 Artificial Intelligence / 1 Künstliche Intelligenz) zusammenhängt: Der Wunsch, die kreativen Prozesse eines kunstschaffenden Menschen zu verstehen und die Frage, ob sich solche kreativen Prozesse überhaupt in Algorithmen fassen lassen, war groß und besteht weiterhin; denn nach anfänglich hohen Erwartungen kehrte - mit zunehmender Erkenntnis der Komplexität menschlichen Verhaltens - bald eine große Ernüchterung ein, auch wenn es manchmal verblüffende Teilerfolge vorzuweisen gibt, wie z. B. jüngst in Karlsruhe bei der Generierung von Bach-Chorälen (also Chorälen, die recht überzeugend so klingen, als seien sie von J.S. Bach komponiert worden). Das hohe wissenschaftliche Interesse an dieser grundsätzlichen Fragestellung nach dem Verständnis künstlerischer Prozesse besteht jedoch unverändert und wird auch angemessenen Eingang in den Karlsruher Studiengang finden, wobei sich hier eine Kooperation mit entsprechenden Forschungsgruppen an der Karlsruher Universität und anderswo anbietet.

Prof. Dr. Thomas A. Troge,
Leiter des Instituts für Musikwissenschaft und Musikinformatik und des ComputerStudios der HfM Karlsruhe

   

 

 


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